30 06 06 1277 W - + 6 - 2 Ulle! Endlich!

Endlich, endlich, endlich. Schon komisch, dass ausgerechnet die Justiz in den sonst von den angeblich so korrekten Doitschen herabgewürdigten Ländern Spanien und Italien entschlossen gegen Doping vorgeht, während hierzulande noch nicht mal ernsthaft über eine entsprechende Gesetzgebung diskutiert wird. Jetzt haben sie also, wie es scheint, das Dickerchen endlich erwischt und die Lüge vom ach so sauberen deutschen/Telekom-Radsport dürfte auch von den ARD-Hofberichterstattern nicht mehr zu halten sein. Der Dieter Baumann des Radsports quasi, wir warten auf die Zahnpasta-Verschwörungstheorie! Ein bisschen interessanten Background liefert ein, vor dem Bekanntwerden erschienener SZ-Artikel, ein paar Auszüge:

Traininigskontrolle in der Rehabilitation

 
 

Die größte Herausforderung für den Sportsponsor Telekom war die positive Trainingskontrolle von Jan Ullrich 2001. Für das „Team Telekom“ und auch den Bund Deutscher Radfahrer (BDR) war der Tour-Sieger das Aushängeschild schlechthin - und nun war klar, daß er Mißbrauch mit Amphetamin getrieben hatte. Er erklärte seine positive Probe mit einer Ecstasy-Pille vom großen unbekannten Bekannten in einer Diskothek. Insider wunderten sich damals nicht über den aufgeputschten Zustand von Ullrich, wohl aber über den Termin der Trainingskontrolle, die während einer Rehabilitationsphase stattfand.

Das Sportgericht des BDR wiederum sah das Vergehen des Sportlieblings der Nation nicht als Doping im engeren Sinne an, sondern lediglich als „Verstoß gegen das Doping-Kontrollreglement“. Es sprach mit sechs Monaten die kürzeste Sperre aus, die möglich war. Die Deutsche Telekom AG, die immer wieder ihre Entschlossenheit verkündet hatte, überführten Dopingsündern sofort zu kündigen, nutzte die positive Probe, um Ullrichs Vertrag zu lösen und ihm umgehend ein Angebot zu geringeren Bezügen zu machen. Offiziell hieß es, der Vertrag ruhe. Nach einem Ausflug zum „Team Coast“, das später zu „Bianchi“ wurde, kehrte Ullrich im Oktober 2003 aus „sportlichen Gründen“ zum „Team Telekom“ zurück. Offizielle Version der Telekom: Ullrich sei überhaupt kein Dopingsünder, er habe die verbotene Substanz nicht in der Absicht genommen, seine Leistung zu steigern. Die Firma Adidas hingegen handelte konsequent und beendete die Zusammenarbeit mit Ullrich nach dessen positiver Dopingprobe auf Dauer.

„Monsieur 60 Prozent“


 

Es war eine schwierige Zeit für Telekom, doch sie wurde gemeistert, auch mit Hilfe des Medienpartners ARD. Wie sehr man seinerzeit bei dem öffentlich-rechtlichen Sender der Auffassung des Sponsors in Dopingfragen vertraute, wird durch ein Zitat des ARD-Sportkoordinators, Tour-de-France-Reporters und damaligen Moderators von offiziellen Präsentationen des „Team Telekom“, Hagen Boßdorf, aus der „Berliner Zeitung“ vom 9. Juli 2002 deutlich: „Sagt die Telekom, es gibt keinen Dopingfall, dann gibt es auch keinen Dopingfall für die ARD“, gab Boßdorf zwei Tage vor Ullrichs öffentlichem Geständnis zum besten.

Mit dem Dänen Bjarne Riis war der Erfolg gekommen. Der Tour-Sieger 1996 in Telekom-Diensten wurde zwar nie positiv getestet. Doch in Anspielung auf seinen Hämatokritwert (Konzentration der Feststoffe im Blut), der durch das synthetische Hormon Epo gesteigert werden kann und in diesem Fall über den erlaubten 50 Prozent gelegen haben soll, erhielt er in Radkreisen den Spitznamen „Monsieur 60 Prozent“.

Doping unter dem Deckmantel der Forschung


 

In Unterlagen des umstrittenen italienischen Sportmediziners Professor Francesco Conconi wird für Riis am 10. Juli 1995 ein Wert von 56,3 Prozent festgehalten. Zu dieser Zeit fuhr Riis für das „Team Gewiss Ballan“ die Tour de France. Gegen Conconi wurde in Italien jahrelang ermittelt. Die zuständige Staatsanwaltschaft hatte keinen Zweifel, daß unter dem Deckmantel der Forschung ein Dopingprogramm nach Art der DDR betrieben worden war. Im vorigen Jahr endete das Verfahren mit einem Freispruch wegen Verjährung. Der Kommentar der Richterin Franca Oliva: „Conconi war schuldig“.

Ein anderer italienischer Arzt, der Riis und auch Ullrich betreut hat, ist Luigi Cecchini aus Lucca in der Toskana. 1998 ermittelten italienische Staatsanwälte gegen ihn, weil er Rezepte für Radprofis über Medikamente ausgestellt hatte, die auf der Dopingliste stehen. Die Ermittlungen wurden eingestellt, als der Prozeß von Bologna nach Lucca verlagert wurde. 1994 bereits wurde er im Report des italienischen Dopingaufklärers Alessandro Donati des Epo-Einsatzes beschuldigt.

Keine Berührungsängste


 

Schon 1999 hatte die Telekom mit einem Dopingfall fertig werden müssen: Christian Henn wurde ein überhöhter Testosteronwert nachgewiesen, den er mit der Einnahme eines homöopathischen Hausmittels seiner italienischen Schwiegermutter erklärte. Es habe seine Zeugungsfähigkeit beflügeln sollen. Nach diesem Vorfall, der eine Sperre und das Ende seines Vertrages zur Folge hatte, beendete er seine Karriere. Heute ist Henn Teammanager beim „Team Gerolsteiner“, das gerade durch die Dopingaffäre um Danilo Hondo in der Diskussion steht. 1994 lieferte Erik Zabel eine positive Probe ab: Nach einem Einspruch seinerseits behielten die Geldstrafe von 3000 Schweizer Franken und die Rückstufung um 50 Punkte in der Wertung des Weltradsportverbandes ihre Gültigkeit, eine Sperre auf Bewährung wurde aufgehoben.

Berührungsängste kannte das „Team Telekom“ nie: Walter Godefroot, der Sportliche Leiter der ersten Stunde, brachte keine weiße Weste mit. 1967 hatte der belgische Radprofi beim Klassiker „Paris-Tours“ eine Dopingkontrolle verweigert und wurde in der Wertung zurückgestuft. 1974 passierte dasselbe beim Radrennen“ Fleche Wallone“, und im selben Jahr wurde er wegen der Einnahme des Aufputschmittels Ritalin bei der Flandernrundfahrt disqualifiziert. Etliche Telekom-Radprofis wurden vor oder nach ihrem Gastspiel im deutschen Vorzeigeteam auffällig: der Schweizer Urs Freuler 1990 und 1991, Carsten Wolf 1995, Andreas Kappes 1997 (2000 führte ein Nandrolon-Nachweis nicht zu Konsequenzen), Uwe Ampler 1999, die Italiener Alberto Elli und Roberto Sgambelluri 2001 sowie Dirk Müller 2002.

Ullrich ist eben einmalig


 

Kritiker fragen sich schon lange, wie es bei dieser Ausgangslage möglich ist, daß das „Team Telekom“ seine betreuenden Mediziner aus der Sportmedizinischen Abteilung der Universitätsklinik Freiburg rekrutieren kann. Als aktive Dopingbekämpfer können sich Mediziner im Rad-Umfeld wohl kaum profilieren. Und so zeigen sich immer wieder merkwürdige Zusammenhänge: Dr. Lothar Heinrich etwa erklärte den Besitz von Koffein und Cortison, die bei der Razzia anläßlich des Giro d'Italia 2001 bei ihm gefunden worden waren, mit Eigengebrauch beziehungsweise mit einem Attest für Ullrich. Für ihn war damals ein Asthmaspray bestimmt gewesen, dessen Wirkstoff auf der Dopingliste steht. Team-Pressesprecher Olaf Ludwig hielt entgegen, daß über Ullrichs Pinienpollen-Allergie doch schon vor Jahren in der Presse zu lesen gewesen war.

Ullrich ist eben einmalig: Nach Auskunft von Fachleuten ist in der Literatur kein weiterer Fall einer allergischen Reaktion auf Pinienpollen bekannt. Nach Angabe von Heinrich litt im Jahr 2001 etwa ein Drittel seiner Radprofis an Asthma und durfte so Medikamente nehmen, die auf der Dopingliste stehen. Mehrere von ihnen wiesen überhöhte Hämatokritwerte auf, für die sie ein besonderes Attest vorlegen konnten. Genauere Angaben darüber machen die Telekom-Ärzte unter Berufung auf die Schweigepflicht nicht. Transparenz ist nicht gewünscht. BDR- und Olympia-Arzt Dr. Georg Huber, ein weiterer Freiburger Mediziner, der nicht direkt mit der Telekom in Verbindung steht, sagte Ende 2003 in einem Interview in der Tageszeitung „Die Welt“:„...Es ist nicht erforscht, ob Epo oder Anabolika Spätfolgen hinterlassen.“

  
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