29 05 06 780 W - + 5 - 3 Geahndet als Majestätsbeleidigung, Die deutsche Ideologie

Die Schweizer mögen zwar viele Defizite haben, aber die NZZ ist trotzdem eine der besten Zeitungen Europas. Und sie können sogar wahre und intelligente Dinge über Fußball und Deutschland schreiben, da muss man hierzulande lange suchen. 

(...) Den Zustand des deutschen Fussballs erfasst man am besten mit Blick auf seine selbst ernannten Herzstücke, die «Bild»-Zeitung und den FC Bayern. Punkto Grössenwahn ist der Klub konkurrenzlos. An der Spitze Hoeness, ein Kampagnen-Macher, der sich nicht die kleinste Einfluss- Chance entgehen lässt. Doch weder in der Torwartfrage noch sonst hat Klinsmann auf die Bayern und auf «Bild» gehört. Dies wird geahndet als Majestätsbeleidigung. Klinsmann ignoriert all das, so gut es geht, und bezieht dafür Prügel. Dabei sind der FC Bayern und seine Führung das grösste Hindernis für eine Entwicklung des deutschen Fussballs auf ein höheres spielerisches Niveau: indem Hoeness gezielt jede Konkurrenz kaputt kauft und die eingekaufte Spielintelligenz unter Durchschnitts-Trainern wie Felix Magath nicht selten auf der Bank verhungern lässt. (Eine Ausnahme war Ottmar Hitzfeld.) Hoeness' Verfahren ist ohne Frage effektiv. Bloss: Er schwächt damit systematisch die deutschen Vereine im europäischen Vergleich. Das Nationalteam interessiert die Bayern nur in dritter Linie, als Wertsteigerungs- und Propagandainstrument für die eigenen Spieler und des eigenen Einflusses auf das Fussballgeschehen im Land.

Dieser Einfluss ist allerdings sehr geschwunden. Konnten die Deutschen «unter Matthäus» oder früher «unter Beckenbauer» als Münchner Ableger gelten, so wäre es heute nur noch Ballack (an der WM nicht mehr Bayern-Spieler), der diese Fahne hochhalten könnte. Neben Ballack wäre es Kahn gewesen. Genau deshalb propagierten die Bayern Kahn als die gottgewollte Nr. 1. Genau deshalb wollte Klinsmann Kahn eben nicht in dieser Position. Das war eine Entscheidung gegen die beanspruchte Bayern-Dominanz.

Bleibt der überforderte Basti Schweinsteiger; den Magath zum halben Reservisten degradiert hat. Magaths Umgang mit Schweinsteiger kann man nur als offene Destruktionspolitik gegenüber Klinsmanns Präferenzen bezeichnen. Irgendeine Hilfe bei der Vorbereitung der WM hat Klinsmann aus der Ecke Bayern nicht erhalten. Ist es Neid? Ist es Bösartigkeit? Ist es provinzialistische Grossmanns-Beschränktheit? Ich weiss es nicht. Ich sehe nur die Scherbenhaufen, die sie systematisch in die Landschaft stellen. (...) 

(NZZ 27. Mai 2006

(...)

Man streitet sich immer noch darüber, wann die Deutschen den hässlichsten Fussball gespielt haben. Die Auswahl ist zu gross. Die WM 1982 steht aber hoch in Kurs: Da gab es das Skandalspiel in Gijon, mit dem Nichtangriffspakt gegen Österreich, und den auf schreckliche Weise gewonnenen Halbfinal gegen die himmelstürmenden und phantasievollen Franzosen. Das tumbe Herumtorkeln von Horst Hrubesch, nachdem er den entscheidenden Elfmeter verwandelt hatte, sagte alles über das ästhetische Selbstverständnis der Deutschen aus. Die Erklärungsnot wurde damals immer grösser. Man musste einen plausiblen Grund dafür finden, warum das alles so war.

Genau in dieser Situation erfand ein im internationalen Massstab eher bescheidener Soziologe namens Niklas Luhmann die «Systemtheorie». Die kam wie gerufen. Es war die Zeit, als Helmut Kohl gerade Bundeskanzler geworden war und sich ein klebriger fahler Mehltau über die bundesdeutsche Gesellschaft legte. Entscheidend war, wie ein Ausspruch Kohls lautete, «was hinten rauskommt». An den Universitäten wurden die letzten Reste einer «kritischen Theorie» beseitigt; die «Systemtheorie» löste sie als Modedisziplin ab. Und sie besagte: Es kommt überhaupt nicht darauf an, wie gut einer Fussball spielt. Es geht nicht um individuell herausragende Leistungen. Es geht einzig und allein darum, sich effektiv ins System einzufügen. (...) 

Mittlerweile arbeitet man fieberhaft daran, die deutsche Ideologie zu modernisieren. Beim 1. FC Köln zum Beispiel war in dieser Saison ein um die internationalen Standards wissender Neuerer namens Uwe Rapolder tätig. Er führte die Begriffe «Systemfussball» und «Konzeptfussball» im Munde. Dass sich der einzelne Spieler einem wissenschaftlich untermauerten Konzept unterordnen sollte, dass jeder für jeden laufen sollte, war hier Programm. Als Köln schliesslich hoffnungsloser Tabellenletzter war, sagte der herausragende Einzelkönner Lukas Podolski verzweifelt: «Es geht hier nicht um Systemfussball oder irgendeinen Dreckscheiss.»

Doch solange die deutschen Reporter unisono von «brotloser Kunst» reden, nur weil ein Brasilianer am Ball ist, wird alles beim Alten bleiben. (...) 

(NZZ 27. Mai 2006)

  
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