(NZZ, http://www.nzz.ch/2006/03/07/sp/articleDN5C6.html - 7.3.2006)(...)
Solch freundliche Selbstbeschränkung hat in Europa freilich ihre Grenzen. Und so ist das Rückspiel gegen Milan der erste Lackmustest, der die Bayern im vollen Format fordern wird. Sie hätten es ja gern einfacher gehabt als gegen die abgebrühten Ancelotti-Lombarden. Einmal mehr verblüfft die Hasenherzigkeit des Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der einen Tag nach dem glücklichen Remis der «Süddeutschen Zeitung» sein neuestes Bubenstück ankündigte: «Dass solche Top-Duelle bereits in der ersten K.-o.-Phase stattfinden, halte ich für verfrüht. Mein Mailänder Kollege Galliani und ich haben darüber beim Mittagessen mit Lennart Johansson Uefa-Präsident gesprochen. Wir haben ihm gesagt, dass wir dafür sind, eine Setzliste einzurichten.»
Man höre aufmerksam zu - und staune dafür umso mehr: Eine Setzliste, gleich zu Beginn der Gruppenphase, ist effektiv nicht ausreichend, um das Sicherheitsbedürfnis des Anti-Hasardeurs von der Isar zu stillen. Da muss eine zweite her. Vorstösse dieser Art, wonach vor allem die anderen Schuld an der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit des Klubs tragen, werden in inflationärer Häufigkeit forciert. Lange war Rummenigges Ruf nach Eigenvermarktung Credo und Allheilmittel in einem. Die Bundesliga hat er der relativ geringen TV-Einnahmen wegen als das Armenhaus Europas identifiziert. Schon vor zwei Jahren monierte die «FAZ» angesichts der bayrischen Litanei: «Wenn der Klub ankündigt, einen Fanartikel-Shop in Japan zu eröffnen, dann ist das der Vorstoss in eine neue Dimension. Nichts ist zu klein, als dass es durch die Besprechung der Bayern-Bosse nicht gross gemacht werden könnte, nichts zu nichtig, als dass es nicht wichtig erscheinen könnte.»
Rummenigge im Bayerischen Wald
Zwar geht das Engagement der Bayern in Asien über den Kioskverkauf hinaus. Doch die Klagen des Klubchefs folgen seit langer Zeit der immergleichen Programmatik, wonach sich der einstige Weltklassestürmer insgeheim als ein Robin Hood aus dem Bayerischen Wald wähnt, der im europäischen Klubfussball sein Jagdrevier gefunden hat.
Mourinho, der Pöbler von der Themse, mag den Schiedsrichter verdammen und allerlei Umstände für widrig halten. Über einen Gegner vom Kaliber Barcelonas hat sich der Manager des Chelsea FC nie beklagt.