+ 0 - 0 | § ¶Und nochmal Tagesspiegel
Ohne Worte, einfach nur so wahr:Wir schreiben die 24. Minute, es ist ein denkwürdiger Abend. Andrej Schewtschenko läuft an, er will einen Elfmeter ins Tor des FC Bayern München treten. Er schießt vorbei. Aus dem Tor kommt Oliver Kahn gestürmt, er hat eine Fratze aufgesetzt. Es ist die Fratze des Irrsinns. Kahn brüllt Schewtschenko an, warum, weiß man nicht. Kahn war unbeteiligt am nicht verwandelten Elfmeter. Er brüllt.
Schewtschenko schweigt. Er ignoriert. Seine Miene ist entspannt. Es ist die Miene der Eleganz, der Souveränität. Denkbar, dass er in seiner ukrainischen Heimatsprache denkt: „Was brüllt der Spinner? Egal, ich komme gleich wieder.“ Eine Minute später kommt er. Der Ball kommt von rechts in den Strafraum geflogen. Schewtschenko köpft ihn ins Tor. Er dreht sich um, freut sich. Der Brüller im Tor verstummt, Schewtschenko beachtet ihn nicht, es gibt keine Geste der Rache.
Ja, so war das am Mittwochabend in Mailand. Eine kleine Szene, eine Schlüsselszene über den Zustand des deutschen Fußballs im Vergleich mit der Weltklasse. Hier Kahn, die old school, die Brachialgewalt, die das Fußballspiel als Kampf betrachtet, aber nichts mehr ist außer Imponiergebärde. Dort Schewtschenko, die Gegenwart und die Zukunft, leicht, entspannt, feinsinnig, die Fußball spielt, der Gewalt nicht weicht, sie nur umdribbelt.
+ 0 - 0 | § ¶Lehmann for Nr 1
Der Tagesspiegel schreibt schreibt:Man kann darüber streiten, ob Jürgen Klinsmann nicht besser beim WM-Workshop in Düsseldorf aufgehoben wäre, statt in die Sonne Kaliforniens zu blinzeln. Und man kann auch darüber unterschiedlicher Ansicht sein, inwiefern das Abschneiden der Nationalmannschaft letztlich nur ein Produkt der Qualität der Bundesligaklubs im internationalen Vergleich ist. Es gibt aber keine zwei Meinungen mehr darüber, wer ins deutsche WM-Tor gehört. Natürlich hat auch Beckenbauer mitbekommen, dass Kahns Londoner Rivale Lehmann in zwei Spielen gegen die offensiv immer noch stärkste Mannschaft der Welt, Real Madrid, jeweils zu null gespielt hat, wohingegen der Torwart seines Vereins nicht ganz schuldlos vier Stück in einem Spiel gefangen hat. Was Beckenbauer offenbar nicht weiß, ist, dass er Kahn damit keinen Gefallen getan hat und viele Deutsche dem Bundestrainer zurufen möchten: Herr Klinsmann, vergessen Sie Ihre Kinderstube und stellen Sie Lehmann ins WM-Tor. Sofort. (10.03.2006)Dem ist eigentlich fast nichts hinzuzufügen. Außer, dass Lehmann nicht nur der bessere Keeper ist, sondern wir einfach auch keinen Bekloppten, der den Gegner in den Hals beißt, im Tor haben wollen.
+ 0 - 0 | § ¶Fantastisch, NZZ for President!
Anscheinend braucht es Schweizer, die uns die Wahrheit verkünden:(NZZ, http://www.nzz.ch/2006/03/07/sp/articleDN5C6.html - 7.3.2006)(...)
Solch freundliche Selbstbeschränkung hat in Europa freilich ihre Grenzen. Und so ist das Rückspiel gegen Milan der erste Lackmustest, der die Bayern im vollen Format fordern wird. Sie hätten es ja gern einfacher gehabt als gegen die abgebrühten Ancelotti-Lombarden. Einmal mehr verblüfft die Hasenherzigkeit des Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der einen Tag nach dem glücklichen Remis der «Süddeutschen Zeitung» sein neuestes Bubenstück ankündigte: «Dass solche Top-Duelle bereits in der ersten K.-o.-Phase stattfinden, halte ich für verfrüht. Mein Mailänder Kollege Galliani und ich haben darüber beim Mittagessen mit Lennart Johansson Uefa-Präsident gesprochen. Wir haben ihm gesagt, dass wir dafür sind, eine Setzliste einzurichten.»
Man höre aufmerksam zu - und staune dafür umso mehr: Eine Setzliste, gleich zu Beginn der Gruppenphase, ist effektiv nicht ausreichend, um das Sicherheitsbedürfnis des Anti-Hasardeurs von der Isar zu stillen. Da muss eine zweite her. Vorstösse dieser Art, wonach vor allem die anderen Schuld an der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit des Klubs tragen, werden in inflationärer Häufigkeit forciert. Lange war Rummenigges Ruf nach Eigenvermarktung Credo und Allheilmittel in einem. Die Bundesliga hat er der relativ geringen TV-Einnahmen wegen als das Armenhaus Europas identifiziert. Schon vor zwei Jahren monierte die «FAZ» angesichts der bayrischen Litanei: «Wenn der Klub ankündigt, einen Fanartikel-Shop in Japan zu eröffnen, dann ist das der Vorstoss in eine neue Dimension. Nichts ist zu klein, als dass es durch die Besprechung der Bayern-Bosse nicht gross gemacht werden könnte, nichts zu nichtig, als dass es nicht wichtig erscheinen könnte.»
Rummenigge im Bayerischen Wald
Zwar geht das Engagement der Bayern in Asien über den Kioskverkauf hinaus. Doch die Klagen des Klubchefs folgen seit langer Zeit der immergleichen Programmatik, wonach sich der einstige Weltklassestürmer insgeheim als ein Robin Hood aus dem Bayerischen Wald wähnt, der im europäischen Klubfussball sein Jagdrevier gefunden hat.
Mourinho, der Pöbler von der Themse, mag den Schiedsrichter verdammen und allerlei Umstände für widrig halten. Über einen Gegner vom Kaliber Barcelonas hat sich der Manager des Chelsea FC nie beklagt.